
NACKENHEIM – Nach der sommerlich-bunten Zeit haben auch die Farben im Ortsmuseum Nackenheim gewechselt. Dort sind jetzt zwanzig in Grau- und Schwarztönen gehaltene Zeichnungen des Peruanischen Künstlers Guillermo Rivera Espejo zu sehen. Die Vernissage fand am Sonntagabend, dem 22. Oktober 2023 statt.
Peter J. Klein, Vorsitzender des Museumsvereins im alten Schulgebäude, begrüßte die zahlreich erschienen Gäste, unter ihnen viele neue Gesichter. In seiner Laudatio bezeichnete er „Dystopie“ als Gegenentwurf zur „Utopie als Ideal, das womöglich gar nicht erreicht werden soll.“ Dystopien mit ihren pessimistischen Weltbildern hätten derzeit Konjunktur etwa in TV-Serien und literarischen Entwürfen sowie in der globalen Klimakrise und kriegerischen Konflikten.
„Bei meinen Zeichnungen gehe ich davon aus, dass der menschlichen Körper ein Kartogramm des Lebens ist“, erläutert der Künstler Guillermo Rivera Espejo. Und weiter: „Dort, wo der Lebenswille, der Wunsch nach Wohlbefinden durch äußeres Einwirken, sei es durch physische, sei es durch psychische Gewalt, verweigert wird, handelt es sich für mich um eine körperliche Dystopie.“
Dies spiegelt sich in seinen groß- und kleinformatigen Zeichnungen wider. ‚Menschliche‘ Wesen, oft nur Torsos, denen Kopf und Gliedmaßen fehlen, winden sich auf den Bildern, zum Teil dem Betrachtenden entgegen. Manchmal lässt sich nicht klar erkennen, ob es sich um ein oder zwei Wesen handelt, die bis zum Erschrecken überzeichnet und entstellt sind. Rivera Espejo verzichtet gänzlich auf Dekorativität. Seine Absicht unterstreicht er durch die verwendeten Materialien. Er beschränkt sich auf Kohle, Bleistift und Graphit auf Leinwand und auf Pierre Noir auf Papier.
1957 in Peru geboren fließen in die Zeichnungen des Künstlers Erfahrungen von zwei Militärdiktaturen, durch die seine Kindheit und Jugend geprägt waren. Zunächst studierte er die Bildenden Künste an der Katholischen Universität Lima, der Hauptstadt des Andenstaates. Außerdem absolvierte er ein Zeichenstudium bei Cristina Gálvez, die sein Talent erkannte und ihn während der Ausbildung sehr unterstütze.
Nach seiner Emigration nach Deutschland erlernte er szenische Malerei am Deutschen Theater in Göttingen. Von 1991 bis 2022 arbeitete er am Staatstheater Wiesbaden im Team der Bühnenbildner. Neben diesem Brotberuf präsentierte er seine Werke in Einzel- und Gruppenausstellungen in einer Reihe deutscher Städte sowie in der Galerie von Préporché, Frankreich, bis dato großformatige Acrylgemälde.
Gefragt nach seinem Lieblingsbild nennt Rivera Espejo spontan die Zeichnung „Krieg“. „Ich habe zwei Tage vor der leeren Leinwand gesessen. Am dritten Tag kam in einer Art ‚dessin automatique‘ ein Bulle zustande“, beschreibt er den Beginn des Werks. Er habe das Werk dann ohne nachzudenken in einer Sitzung vollendet. „Der Bulle ist für mich ein Symbol für den Krieg.“ Die auf dem Tier liegende, deformierte Person zeige die Verletzlichkeit des Menschen durch diesen Gewaltakt.
Die Ausstellung „Dystopische Wesen“ ist neben den vier Dauerpräsentationen noch bis zum 12. Januar 2024 zu sehen.
NEU: Das Ortsmuseum Nackenheim ist jetzt an jedem Sonntag von 12:00 – 16:00 Uhr geöffnet. Weitere Infos finden Sie unter www.ortsmuseum-nackenheim.de.
Ulrich Nilles
























