Start Gesellschaft Wie nimmt man die Welt als blinder Mensch wahr?

Wie nimmt man die Welt als blinder Mensch wahr?

Trotz fehlendem Augenlicht ist Marius Durst sehr aktiv unterwegs. Foto: Ulrich Nilles

HARTENBERG-MÜNCHFELD – Als ich an einem späten Frühlingsnachmittag seine Wohnung betrete, ist des dort dämmrig. Als ich ihn fragte, warum er kein Licht einschaltet, antwortet Marius Durst kurz und prägnant: „Ich möchte Strom sparen.“ Herr Durst ist von Geburt an blind. Nachdem er uns einen Kaffee gekocht hat, kommen wir miteinander ins Gespräch.

 

Journal LOKAL: Herr Durst, erinnern Sie sich an den Tag oder an das Ereignis, als Ihnen zum ersten Mal bewusst wurde, dass Sie Ihre Umwelt nicht sehen können?

 

Marius Durst: Da ich von Geburt an blind bin und Sehen deshalb für mich nie eine Rolle gespielt hat, habe ich erst gar nicht versucht, mir meine Umwelt sehend vorzustellen.

 

JL: Sie haben von Kindesbeinen an gelernt, Ihr Leben ohne Augenlicht zu bewältigen. Können Sie sehenden Menschen vermitteln, wie man das macht?

 

MD: Man macht das, indem man seine übrigen Sinne – Hören, Riechen, Fühlen und Schmecken – einsetzt und entspannt durch das Leben geht.

 

JL: Wie sieht Ihr Alltag heute ganz praktisch aus?

 

MD: Ich stehe morgens auf, mache mich fertig und frühstücke. Anschließend räume ich alles wieder an seinen Platz, sodass ich es wiederfinde. Dann beginne ich mit meiner Arbeit im Homeoffice. Nach der Arbeit treffe ich mich hin und wieder mit Freunden an einer ausgemachten Bus- oder Straßenbahnhaltestelle und unternehme etwas mit Ihnen.

 

JL: Sie sind täglich von morgens bis nachmittags im Homeoffice berufstätig. Was arbeiten Sie und welche Hilfen stehen Ihnen dabei zur Verfügung?

 

MD: Ich arbeite beim „Bundesverband Mittelständischer Wirtschaft“, rufe Kunden an, mache Termine aus und verschicke Info-Unterlagen per Mail. Als Hilfsmittel benutze ich einen Screenreader (Sprachausgabe), der mir den Bildschirminhalt akustisch wiedergibt und eine Braille-Zeile, mit der ich den Bildschirminhalt in Blindenschrift lesen kann. Auch mein Smartphone ist mit einer Sprachausgabe ausgestattet, sodass ich wie sehende Menschen Kontakte herstellen und pflegen kann.

 

JL: Das Leben besteht nicht nur aus Arbeiten. Welche Hobbies pflegen Sie und wie gestalten Sie Ihre freie Zeit?

 

MD: Meine Hobbys sind: Inlineskaten, Tandem fahren und Schwimmen. Ich treffe mich gerne mit Freunden zum Kochen oder zum Ausgehen. Außerdem mache ich Musik, spiele Klavier und singe, oder höre Hörbücher.

 

JL: Gibt es Menschen beziehungsweise Institutionen, die Sie dabei unterstützen?

 

MD: Ich habe einen Betreuer, der drei Mal in der Woche kommt und mich bei der Gestaltung meiner Freizeit unterstützt. Wenn ich mit ihm Dinge in meiner Freizeit mache, wird dies leider von unseren Fachleistungsstunden abgezogen, das heißt, er kommt für einen bestimmten Zeitrahmen kürzer. Wir haben gemeinsam bereits Aushänge an der Mainzer Universität und auf verschiedenen Portalen im Internet gemacht, was leider nicht zum Erfolg geführt hat, da sehende Menschen häufig starke Berührungsängste gegenüber Menschen mit Handicap haben.

 

JL: Wenn ich etwas mit Ihnen unternehmen möchte: Was konkret kommt auf mich zu?

 

MD: Es kommt lediglich auf dich zu, dass du als führende Person meine Augen ersetzt, mich zum Beispiel nicht gegen einen Laternenmast laufen lässt. Du musst mir aber nicht jede Bordsteinkante ansagen, da ich diese mit meinem Blindenstock selbst wahrnehme.

 

JL: Wenn Sie einen Wunsch äußern könnten, welcher wäre das?

 

MD: Ich wünsche mir, dass die Menschen in unserer Gesellschaft vorurteilsfrei auf Menschen mit Handicap zu- beziehungsweise mit Ihnen umgehen und dass sich Personen finden, die auch viel für sich sind und mit mir coole Freizeitaktivitäten unternehmen. Du erreichst mich unter: 0152 33816608.

 

Ulrich Nilles