Start Umwelt Aus einem Stock wuchs Verantwortung Die Selzlinge zeigten, wie Kinder Natur pflegten...

Aus einem Stock wuchs Verantwortung Die Selzlinge zeigten, wie Kinder Natur pflegten und Klimaschutz begriffen

Kinder der Kita Selzlinge mit Förster Jan Hoffmann, Kita-Leiterin Sabine Kohlhaas (1.v.l.) und Kita-Erzieherin Tania Zöller bei der Baumaktion. Foto: Gregor Starosczyk-Gerlach

NIEDER-OLM – „Was mussten das für Bäume sein?“ Die Kinder stimmten ihr Baumfestlied an. Rechts Bäume, links Bäume, dazwischen Platz für große Elefanten. Die ersten Gäste hörten bereits zu. Später sollten die Familien kommen. Für sie hatten die Kinder Einladungen gebastelt.

Kopfweide wird von den Selzlingen gehegt und gepflegt

Im Mittelpunkt stand ein Baum, der im März kaum wie einer ausgesehen hatte. Damals war eine Kopfweide aus dem Ober-Olmer Wald zur Kita Selzlinge gekommen. Zunächst war sie nur ein kräftiger Weidenstock gewesen. Förster Jan Hoffmann vom Wald-Naturschutzzentrum des Forstamts Rheinhessen in Ober-Olm hatte die Pflanzung unterstützt. Die Kinder hatten mitgeholfen.

Nun trug der Stock Triebe und Blätter. „Das ist unser Zauberstock“, sagte Erzieherin Tania Zöller. Die Kinder hatten ihn gepflegt und gegossen. Jeweils zwei von ihnen übernahmen den Dienst. Danach bestimmten sie, wer am nächsten Tag verantwortlich war.

Mitbestimmung und Verantwortung

Für Zöller gehörte diese Aufgabe zur pädagogischen Arbeit. Mitbestimmung bedeutete auch, Verantwortung zu übernehmen. Genau damit hatte sich die Kita während ihrer Kinderrechtewoche beschäftigt. In diesem Jahr stand der Klimawandel im Mittelpunkt.

Die Kinder gingen Fragen aus ihrem Alltag nach. Woher kam Essen? Welche Lebensmittel gab es vor Ort? Was unterschied Erdbeeren vom Bauern von einer Ananas, die über den Ozean transportiert wurde? Auch der Wasserkreislauf spielte eine Rolle. Die Kinder beschäftigten sich damit, wo Wasser gespeichert war und wohin es gelangte.

Solche Themen konnten Sorgen auslösen. Die Kita richtete den Blick deshalb auf Handlungsmöglichkeiten. „Wir sind nicht passiv und müssen das aushalten“, sagte Zöller. Auch kleine Veränderungen seien möglich. Dazu gehörten ein bewusster Umgang mit Wasser und die Suche nach Schattenplätzen. Ebenso ging es um Schutzräume für Tiere.

Unsichtbare Strahlung sichtbar gemacht

Hitzeschutz beschäftigte die Kita schon länger. Die Einrichtung hatte eine Auszeichnung im Programm „Clever in Sonne und Schatten – gut geschützt vor UV-Strahlen“ erhalten. Das Preisgeld diente der Pflanzung eines schattenspendenden Baumes. Im Herbst sollte ein Speierling hinzukommen.

Wie unsichtbare Strahlung sichtbar wurde, zeigten besondere Perlen. Im Schatten wirkten sie transparent. Unter ultraviolettem Licht verfärbten sie sich. Je stärker die Sonne schien, desto schneller und intensiver zeigte sich die Farbe. Zurück im Schatten wurden die Perlen wieder transparent.

Auch das Baumfest griff die Themen der Projektarbeit auf. Die Kinder erklärten Stationen und zeigten, was sie erarbeitet hatten. „Die Kinder sind unsere Experten“, sagte Zöller. Zu sehen war auch, wie sich der „Zauberstock“ entwickelt hatte. Weitere Pflanzungen gehörten ebenso dazu. Statt Zitronenlimonade setzte die Kita Holundersirup an.

Trotz Gewerbegebiet Hasen, Rehe und Fasane

Die Kopfweide stand auf der „Selz-Wiese“. Die frei zugängliche Fläche lag außerhalb des Kita-Geländes. Familien konnten sie auch am Wochenende besuchen. Kinder erhielten so Gelegenheit, ihre Projekte zu zeigen und zu erklären.

Für die Kita hatte dieser Ort eine besondere Bedeutung. Das Umfeld hatte sich verändert. Als Zöller vor fünf Jahren dort begonnen hatte, hatte es das heutige Gebäude noch nicht gegeben. In der Nähe hatten Felder gelegen und auf der anderen Seite eine Baumwiese. Inzwischen prägte ein Gewerbegebiet die Umgebung. Dennoch beobachtete die Kita dort Fasane, Rehe und Hasen.

Naturerfahrungen gehörten regelmäßig zum Alltag. Einen Tag widmete die Kita ausdrücklich der Natur. Dann erkundeten die Kinder auch das Umfeld. Ältere Kinder besuchten im Sommer über die Jahreszeiten hinweg einen Stadtgarten in Nieder-Olm. Dabei bestand eine Kooperation.

Schnittmaterial zur Neupflanzung genutzt

Der Kontakt zum Forst war über eine Fortbildung zur Bildung für nachhaltige Entwicklung entstanden. Dort hatte die Umweltpädagogin Tania Zöller den Förster Jan Hoffmann kennengelernt. Als die Kita einen Baum pflanzen wollte, wandte sie sich an den Kontakt in Ober-Olm. So kam die Kopfweide auf die Selz-Wiese.

Die Wahl hatte praktische Gründe. Im Ober-Olmer Wald wurden Kopfweiden geschnitten. Das Schnittmaterial ließ sich direkt zum Pflanzen nutzen. Kopfweiden spendeten Schatten. Im Frühjahr lieferten sie Pollen für Insekten. Raupen nutzten die Blätter als Nahrung. Regelmäßiger Rückschnitt lieferte zudem Ruten zum Flechten.

Die Kinder begleiteten weiter, wie sich der Baum entwickelte. Sie entfernten Triebe an unerwünschten Stellen. Nach und nach entstand so die typische Form einer Kopfweide. Der Gießdienst blieb Teil dieser Aufgabe.

Wasser, Sonne, Ernährung, Klimawandel und Verantwortung

Ende Mai feierte die Kita die Entwicklung mit ihrem Baumfest. Nach langer Vorbereitung kamen Gäste, später waren die Familien eingeladen. Der junge Baum verband dabei viele Themen, die die Kinder zuvor beschäftigt hatten: Wasser, Sonne, Ernährung, Klimawandel und Verantwortung.

„Es ist vieles nicht so schön“, sagte Zöller. Entscheidend sei, nicht den Kopf in den Sand zu stecken. Die Kinder erlebten auf ihrer Wiese, was dieser Gedanke praktisch bedeutete. Im März hatte dort ein Stock gestanden. Wenige Wochen später waren daran Triebe und Blätter gewachsen. Und zwei Kinder wussten jeweils, wann wieder gegossen werden musste.

Gregor Starosczyk-Gerlach

Termine Vorschau Juli