Start Fastnacht „Die Bütt wackelt.“ Premiere >>> BCV-Kostümsitzung in neuer Halle

„Die Bütt wackelt.“ Premiere >>> BCV-Kostümsitzung in neuer Halle

Atemberaubende Akrobatik auf der närrischen Bühne: Die Klinikathleten in ihrem Element. Foto: Michael Türk

BODENHEIM – Selbst erfahrene Fastnachter und Sitzungsgestalter werden etwas unruhig, wenn die Sitzungspremiere in einer neuen Location ansteht. So geschehen bei der Kostümsitzung des Bodenheimer Carneval-Vereins (BCV) in der Sport- und Kulturhalle im Bürgel: Neue Räumlichkeiten, neue Infrastruktur, ein neuer Komitee-Tisch und nicht zuletzt ein neues Outfit der Komiteeter bedeuten Unwägbarkeiten und eventuell Anlaufschwierigkeiten. Anfänglich fremdelte auch das Publikum noch ein wenig mit dem neuen Veranstaltungsort.

Um es gleich vorwegzunehmen: Alles ging gut. Oder zumindest fast alles. Wie ein Running-Gag durchzog eine Feststellung der Redner den Abend: „Die Bütt wackelt.“ Noch nicht betroffen davon waren die ersten Aktiven der Sitzung, die Altrheinstromer. Mit Blick auf die Fußball-Europameisterschaft im Sommer boten sich die drei Akteure kostümtechnisch und musikalisch Bundestrainer Julian Nagelsmann als Alternativen für das Turnier an. Es kann schließlich nur besser werden. Das Trio sah sich jedenfalls für die Aufgabe gewappnet, können sie doch auf die Erfahrung von drei Jahrzehnten Bühnenpräsenz zurückblicken.

Also waren es Protokoller Bernd Jungbluth und Beate Dietz, auch sie seit 40 Jahren in der Fastnacht aktiv, die die fehlende Standfestigkeit der Bütt bemerkten. Ihren Reden sollte dies keinen Abbruch tun. Beide hatten das Publikum fest im Griff. Was auch für Gaby Elsener als Apollonia bei ihren Kokolores-Versen galt. Unterbrochen vom fantastischen Auftritt der Männershowtanzgruppe Atzmann Tornados aus Heidenrod, die auf ein über 25-jähriges Bühnenjubiläum zurückblicken können, kam dann die Zeit der politischen Vorträge, gehalten von zwei Fastnachtsgrößen: Rüdiger Schlesinger als „Advokat des Volkes“ und Bernhard Knab alias „Deitscher Michel“. In ihren Beiträgen haben sich übrigens alle Redner – und dazu gehört auch Bernd Jungbluth in seinem Protokoll – deutlich und explizit gegen das Erstarken der Rechten und der AfD in Deutschland ausgesprochen und vor den Folgen gewarnt. Gut so. Und noch ein Thema hatten sie gemeinsam: Die teils pointierte und häufig auch berechtigte Kritik an der Berliner Ampelregierung. Das Problem aus Sicht der Redner: keine Kompetenz, keine Ausbildung, keine Ahnung. Aber sind die Herausforderungen faktisch so einfach erklärt? Und was sollte das Beispiel des neu gebauten Radwegs in Peru (übrigens das Projekt eines früheren CSU-Entwicklungsministers), der trotz leerer Kassen mit unseren Steuergeldern finanziert wurde? Derartige Kritik zahlt dann doch wohl eher auf das Konto der „Wir haben die Schnauze voll“-Fraktion und damit letztendlich auf das der AfD ein. Ist das den Applaus wert?

Nach der vollen Dosis Politik entließen die Musiker vom „Sound of Weisenau“ das Publikum musikalisch in die Pause, um dann gleich zu Beginn des zweiten Teils geballte Akrobatik auf der Bühne bestaunen zu können. Die Mainzer Klinikathleten zeigten atemberaubende Hebefiguren, bevor sie vom dritten BCV-Ballett, nach dem Kinder- und Jugendballett zu Beginn der Sitzung, mit schwungvollem Fastnachtstanz abgelöst wurden.

Zuletzt stand wiederholt das Leder im Zentrum eines Vortrags: der „echte“ Fußball, fernab von Tattoos, Frisörbesuchen im Mannschaftshotel und Smartphones in der Kabine. Dafür sorgte „Begge Peter“ mit den Erinnerungen an die aktive Zeit als Vorstopper auf Schotterplätzen. Sportlich zeigte das BCV-Herrenballett unter dem Motto „Abspecktorpedos“ sein Können, das es sich in harten Trainingseinheiten mit viel Spaß, Bier und Kuemmerling angeeignet hatte.

Als Schlussredner betrat schließlich „Obermessdiener“ Andreas Schmitt die Bütt, die unter seiner Körperfülle zwar nicht mehr wackelte, aber nach eigener Aussage im letzten Jahr deutlich geschrumpft war. Sein Vortrag begeisterte das Publikum und bildete einen würdigen Abschluss einer gelungenen Veranstaltung. Bevor der Vorhang endgültig fiel, läuteten die Eisbären als Rettungsschwimmer das Finale ein – diesmal ohne Fell, aber mit ganz viel Stimme.

Michael Türk

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Vor, während und nach dem Studium der Politischen Wissenschaften an der Universität Hamburg konnte ich erste journalistische Erfahrung bei diversen Medien in Kiel (meinem Geburtsort) und Hamburg sammeln. Anschließend ging es dann für gut 30 Jahre in die Werbung, zuerst als Texter und dann als Creative Director und GF Kreation, in verschiedenen nationalen und internationalen Werbeagenturen. Vor etwa zwei Jahren schließlich der Schritt zurück zu den Wurzeln, der journalistischen Arbeit: seitdem verantworte ich beim Journal LOKAL die Ausgaben VG Bodenheim und VG Rhein-Selz sowie die meisten Sonderveröffentlichungen.