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„Entweder ich hole mir Hilfe, oder es geht ganz böse aus.“ Beratungsstelle >>>Wege aus der Sucht gibt es auch in Oppenheim und Umgebung

Die Suchtberatungsstelle der Regionalen Diakonie Rheinhessen in Oppenheim betreute 2024 insgesamt 135 Ratsuchende aus den Verbandsgemeinden Bodenheim und Rhein-Selz mit rund 62.000 Einwohnern. Es wurden 478 Beratungskontakte verzeichnet, überwiegend in persönlichen Gesprächen. 83 Prozent der Ratsuchenden waren selbst betroffen, 17 Prozent Angehörige. Hauptproblem war mit 60 Prozent deutlich Alkohol. Aufgrund begrenzter Kapazitäten von 0,8 Vollzeitstellen betrug die Wartezeit auf einen Ersttermin meist rund sechs Wochen. Kontakt unter Telefon: 06133-57899-13 oder per E-Mail: suchtberatung.rheinhessen@regionale-diakonie.de.

VG RHEIN-SELZ – Nach außen wirkt vieles leicht in Rheinhessen. Geselligkeit, Wein, Begegnung. Doch genau darin liege auch die Schwierigkeit, sagt Peter Reuter, Suchtberater in Oppenheim. „Sucht ist auch dort ein Thema, wo nach außen alles funktioniert.“ Alkohol sei kulturell akzeptiert und oft positiv besetzt. „Wenn man genauer hinschaut, sieht man aber, dass es Menschen gibt, die darunter leiden. Das betrifft Betroffene ebenso wie Angehörige.“ Deren Namen sind in diesem Text fiktiv.

Oliver ist einer von ihnen. Rückblickend sagt er: „Eigentlich habe ich schon mit 16 abhängig getrunken.“ Damals habe er das selbst nicht so benannt. Alkohol war verfügbar, normal, kein Tabu. „Ich habe mir eingeredet, das ist nichts Verbotenes. Das gehört hier eben dazu.“ Erst viel später habe er erkannt, dass er längst die Kontrolle verloren hatte.

Reuter kennt diese Dynamik aus vielen Gesprächen. „Sucht entwickelt sich schleichend. Am Anfang steht selten das Bewusstsein, dass man ein Problem hat.“ Vielmehr sei es ein Prozess, den er mit einem Puzzle vergleicht. „Jeder braucht andere Teile, bis das Bild vollständig ist.“ Für manche sei es die Gesundheit, für andere eine Trennung, ein verlorener Führerschein oder ein Moment, der plötzlich wie ein Spiegel wirkt. Wie auch immer: dass jeder Süchtige an so einem Wendepunkt steht und ihn erkennen kann, davon sind die Betroffenen felsenfest überzeugt.

Bei Oliver war es genauso ein Spiegel. „Ich habe morgens ein Foto von mir gesehen, aufgenommen am Abend zuvor. Das hat mich so schockiert, dass mir klar war, so geht es nicht weiter.“ Für ihn habe es nur zwei Wege gegeben. „Entweder ich hole mir Hilfe oder es geht ganz böse aus.“ Der Schritt in die Beratung sei der schwerste gewesen. „Ich war jahrelang trainiert darin, alles zu leugnen.“ Erst im Gespräch habe er sich selbst eingestehen können: „Ja, ich habe ein Suchtproblem.“

Lothar beschreibt einen anderen Einstieg. „Bei mir hat es später angefangen“, sagt er. „Aber ich habe schnell gemerkt, wenn ich das erste Glas trinke, kann ich nicht mehr aufhören.“ Alkohol half ihm, Hemmungen zu überwinden. Gespräche fielen leichter, Unsicherheit verschwand. „Ich war schüchtern, nicht besonders gesprächig. Mit einem Bier ging alles leichter.“ Doch mit der Zeit wurde daraus ein Zwang. „Ich musste wissen, dass genug da ist. Und ich habe Situationen vermieden, in denen ich nicht trinken konnte.“

Reuter hört solche Schilderungen häufig. „Viele berichten von diesem inneren Druck. Das hat nichts mit Genuss zu tun.“ Alkoholabhängigkeit sei keine Frage von Willensschwäche, sondern eine chronische Erkrankung. „Das versteht man oft erst, wenn man anderen zuhört, die Ähnliches erlebt haben.“

Für Lothar war genau das der entscheidende Punkt. „In der Selbsthilfegruppe habe ich gemerkt, ich bin nicht allein.“ Dort saßen Menschen, die verstanden, warum es nicht reicht zu sagen, man solle einfach nichts trinken. „Die kannten diesen Druck.“ Sein Ausstieg sei weniger dramatisch verlaufen als bei anderen. Familie und Beruf seien noch intakt gewesen. „Aber ich habe diese Unfreiheit nicht mehr ausgehalten.“

Lisa erlebt Sucht von einer anderen Seite. „Ich bin nicht diejenige, die trinkt“, sagt sie. „Aber ich war trotzdem fast kaputt.“ In ihrer Familie gebe es alkoholkranke Menschen über Generationen hinweg. Lange habe sie versucht zu helfen, zu erklären, zu retten. „Je näher man einem Menschen steht, desto mehr will man ihn schützen.“

Der Wendepunkt kam für sie, als sie verstand, was Reuter in der Beratung immer wieder betont. Man könne andere nicht verändern. Lisa formuliert es so: „Ich musste begreifen, dass ich machtlos bin und dass ich mich selbst verändern muss, wenn ich nicht untergehen will.“ Der Weg in die Angehörigengruppe habe ihr Leben verändert. „Nach der ersten Stunde wusste ich, es gibt noch ein Leben.“

Reuter sieht darin einen zentralen Effekt der Selbsthilfe. „Dort entsteht etwas Tragendes. Ein Netz.“ Menschen müssten sich nicht erklären. „Wenn jemand sagt, in dieser Situation hätte ich früher getrunken, dann wissen alle sofort, was gemeint ist.“ Diese Erfahrung, verstanden zu werden, sei oft der erste Schritt zu echter Veränderung.

Oliver erinnert sich gut an sein erstes Gruppentreffen. „Ich hatte erwartet, dort nur verbitterte Menschen zu sehen.“ Stattdessen habe er Lebensfreude erlebt. „Da habe ich zum ersten Mal gedacht, vielleicht geht ein Leben ohne Alkohol doch.“ Heute ist er seit vielen Jahren abstinent und engagiert sich selbst in der Suchthilfe. „Die Krankheit bleibt. Aber ich habe gelernt, mit ihr zu leben.“

Auch Lothar spricht von Freiheit. „Heute muss ich nichts mehr trinken.“ Werde er von der Familie angerufen, so könne er jederzeit ins Auto steigen und losfahren. gibt er ein Beispiel. Gerade diese Verantwortung konnte er eines Tages nicht mehr übernehmen, als ein Familienmitglied seiner Hilfe bedürfte. „Ich konnte für sie nicht da sein.“ Dass er dies jetzt tun kann, sei für ihn der größte Gewinn. „Ich bin unabhängig.“

Lisa ergänzt aus Angehörigensicht: „Die Gruppe hat mich am Leben gehalten.“ Ohne diesen Austausch hätte sie notwendige Schritte, auch schmerzhafte wie eine Trennung, nicht geschafft. „Das hat nichts mit Lieblosigkeit zu tun, sondern mit Selbstschutz.“

Für Peter Reuter zeigen diese Geschichten, warum Beratung, Therapie und Selbsthilfe zusammengedacht werden müssen. „Die Beratung kann Orientierung geben, Therapie vermittelt Handwerkszeug und die Selbsthilfe zeigt im Alltag, dass es geht.“ Entscheidend sei, dass das Thema nicht aus dem Blick gerate. „Sucht verschwindet nicht. Aber man kann lernen, achtsam damit umzugehen.“ Wer sich auf den Weg macht, teilt eine gemeinsame Erfahrung, die mit dem Freiheitsgefühl und Hoffnung gepaart ist.

 

Gregor Starosczyk-Gerlach