

NIEDER-OLM – Inklusion beginnt oft mit kleinen Schritten. Davon kann Gracia Schade viel erzählen. Sie selbst nutzt einen Rollstuhl und kennt Barrieren aus dem Alltag. Denn noch bleibt in der Verbandsgemeinde (VG) Nieder-Olm auf diesem Gebiet einiges zu tun. Auch das wurde bei der Feier zum 10. Geburtstag der inklusiven Kommune angesprochen.
Inklusion braucht bei vielen Menschen einen Perspektivwechsel
Die Feierstunde im VG-Ratssaal in Nieder-Olm wurde bewusst in kein offiziell-formelles Korsett gezwängt. Laudatoren standen gar nicht erst auf dem Programm. Stattdessen entwickelte Schade eine Art Gespräch mit dem noch amtierenden VG-Bürgermeister Ralph Spiegler (SPD). Auch die Gäste im Ratssaal wurden einbezogen. Den roten Faden lieferte ein symbolischer Inklusionskoffer. Spiegler sollte ihn mit persönlichen Assoziationen aus zehn Jahren Inklusionsarbeit füllen. Zu einzelnen Buchstaben des Alphabets stellte Schade ihm Fragen oder kleine Aufgaben.
Ein anschauliches Bild lieferte Spiegler schließlich selbst. Bei einer Aufgabe musste er in den Rollstuhl. Sitzend und rollend sollte er eine Tür öffnen und wieder schließen. Er schaffte es. Doch aus dieser Position zeigte sich die Tür durchaus als Hürde. In Sachen Inklusion musste der VG-Chef dazulernen. Und er habe das getan, bescheinigte ihm Schade im Gespräch mir Journal LOKAL. Bis Bewegung in solche Prozesse komme, brauche es aber bei vielen Menschen einen Perspektivwechsel, warf sie ein. „Sonst bleibt die Debatte über Barrierefreiheit zu abstrakt.“

Foto: Gregor Starosczyk-Gerlach
Ehrenamtliche Behindertenbeauftragte im Landkreis
Schade ist seit vielen Jahren mit der VG verbunden. Im Jahr 2010 bewarb sie sich für den Behindertenbeirat und wurde zur Vorsitzenden gewählt. Dieses Ehrenamt übte sie zehn Jahre aus. Zugleich engagierte sie sich als ehrenamtliche Behindertenbeauftragte im Landkreis. Hauptberuflich arbeitete sie als Geschäftsführerin im Zentrum für selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen.
Als einen frühen Schritt auf dem Weg zur inklusiven Kommune nannte Schade einen Gebärdensprachkurs für Beschäftigte der VG. Der Beirat für Menschen mit Behinderung hatte ihn damals angeregt. Besonders Mitarbeiter mit häufigem Bürgerkontakt sollten davon profitieren. Den entscheidenden Impuls auf dem Weg zur „Inklusiven Kommune“ gab 2016 die Ausschreibung der Aktion Mensch. Gesucht wurden Modellregionen, in denen gemeinnützige Organisationen und Kommunen zusammenarbeiten. Mindestens drei unterschiedliche Zielgruppen sollten einbezogen werden. Für Schade war das eine passende Chance für die Region.
Sitzungen, erste Maßnahmen und öffentliche Angebote
Vor Ort wurden Partner gesucht und Netzwerke aufgebaut. Dazu gehörten unter anderem Akteure aus der Sucht- und Behindertenhilfe. Ende 2016 erhielt die Initiative den Zuschlag. Offiziell begann die Arbeit am 1. Januar 2018. Schon zuvor gab es Sitzungen, erste Maßnahmen und öffentliche Angebote. Sie machten das Thema sichtbarer und brachten Beteiligte zusammen.
Der Fokus einer inklusiven Kommune müsse sich stetig weiten, findet Schade. Neben Menschen mit Behinderung rücken auch in der VG verstärkt ältere Menschen, Geflüchtete und junge Menschen ins Blickfeld. „Maßgeblich bleibe der individuelle Bedarf. Entscheidend ist, was ein Mensch braucht und wo die Unterstützung vermittelt werden kann.“
Stetige Aufgabe: Zugänge offenhalten und neue Bedarfe ernst nehmen
Nach zehn Jahren sieht Schade jedenfalls vor Ort tragfähige Strukturen. „Wie breit die Beteiligung inzwischen reicht, zeigt gerade die Feier“, sagte sie. „Eine 96-jährige Teilnehmerin beteiligte sich ebenso wie Menschen mit unterschiedlichen familiären und kulturellen Hintergründen.“
Im Vergleich mit Kommunen in der Nachbarschaft sieht Schade die Nieder-Olmer einige Schritte weiter. Zugleich beobachtet sie auch andernorts Bewegung. Fortschritte seien jedoch nicht immer dauerhaft. Die stetige Aufgabe bleibt für sie, Zugänge offenzuhalten und neue Bedarfe ernst zu nehmen.
Gregor Starosczyk-Gerlach























