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Brücken in die Vergangenheit Geschichtsverein Nierstein begleitete Naomi Lewin zu den Lebensorten ihrer Vorfahren

Jörg Adrian (rechts) begleitete Naomi Lewin auf den Spuren ihrer Vorfahren. Im Rathaus der Stadt wurde sie von Bürgermeister Jochen Schmitt begrüßt. Foto: Privat

NIERSTEIN – Der Geschichtsverein Nierstein berichtet von einem bewegenden Besuch. Naomi Lewin, Nachfahrin der jüdischen Weinhändlerfamilie Blum, kam nach Nierstein, um den Lebenswegen ihrer Vorfahren nachzuspüren. Gemeinsam mit Mitgliedern des Vereins führte sie der Rundgang zu historischen Orten und persönlichen Erinnerungen. Der Bericht skizziert die Visite als einen wichtigen Puzzlestein zur Aufarbeitung der deutsch-jüdischen Geschichte vor Ort, bei der die einst brutal unterbrochenen Verbindungen sich auf eine womöglich heilsame Weise wieder knüpfen lassen.

Unterstützung durch Lokalhistoriker

Bereits vor einigen Jahren hatte sie die Stadt gemeinsam mit ihren beiden Schwestern besucht. Damals fehlte jedoch eine ortskundige Begleitung, sodass viele historische Orte unentdeckt blieben. Diesmal konnte Lewin auf die Unterstützung der Lokalhistoriker zählen. Jörg Adrian, der im Geschichtsverein die Gedenk- und Erinnerungsarbeit betreut, hatte den Rundgang vorbereitet. Sprachliche Hürden gab es dabei nicht. Lewin sprach fließend Deutsch. Nach ihrem Studium an der Yale University absolvierte sie in den 1970er Jahren ein Gesangsstudium in Mainz. Aufgewachsen an der amerikanischen Ostküste in einer deutsch-jüdischen Familie, beschäftigt sie sich seit vielen Jahren mit ihrer Familiengeschichte.

Die Verbindung zu Nierstein verdankt sich ihrer Urgroßmutter. Juliane Blum (1859–1942) wurde in Nierstein geboren und war das fünfte Kind des jüdischen Weinhändlers Abraham Blum (1821–1891), dessen Familie am Marktplatz lebte. Nach Recherchen des Geschichtsvereins läßt sich die Familiengeschichte bis zu Benedict Mendel Blum (um 1765–1859) zurückverfolgen.

Naomi Lewin (Mitte) mit Claudia Baierl und Werner Bücheler auf der Terrasse des Hauses am Marktplatz.
Foto: Privat

Name stand bereits auf der Liste der Häftlinge

In einer kleinen Gruppe besuchte Lewin das frühere Wohnhaus von Gustav und Charlotte Blum in der Rheinstraße 23. Die aktuellen Eigentümer Rolf und Beatrix Böttcher erläuterten die Veränderungen am Gebäude. Gemeinsam gelang es, ein Familienfoto aus den 1930er Jahren genau diesem Haus zuzuordnen. Anschließend führte der Rundgang zum ehemaligen Wohnhaus der Familie Blum am Marktplatz. Die heutigen Eigentümer Claudia Baierl und Werner Bücheler öffneten Haus und Hof für die Gäste. Der Besuch des Hauses, in dem ihre Urgroßmutter Juliane Blum geboren wurde, bewegte Lewin sichtlich. „Juliane hat zwei Söhne im Ersten Weltkrieg verloren und ihrem Sohn Willi zweimal das Leben geschenkt“, sagte sie, „einmal bei der Geburt, und dann noch einmal, als er im November 1938 verhaftet wurde und sie persönlich dafür sorgte, dass die Mainzer Gestapo ihn wieder freiließ.“ Er wäre sonst ins KZ Buchenwald gekommen, sein Name stand bereits auf der Liste der Häftlinge. So sei ihm mit seiner Frau und der Tochter die Flucht ins Ausland gelungen.

Empfang durch Bürgermeister Jochen Schmitt und Kulturbeauftragten Michael Sander

Am früheren Weingut S. Gaertner & Blum in der Oberdorfstraße sowie der Geismarer Hof halfen Zeitzeugen und Mitglieder des Geschichtsvereins, historische Gebäude und Fotografien den richtigen Orten zuzuordnen. Zum Abschluss empfingen Bürgermeister Jochen Schmitt und Kulturbeauftragter Michael Sander die Besucherin am Rathaus. Nach dem Rundgang setzte Lewin ihre Deutschlandreise über Mainz fort. Noch am selben Abend bedankte sie sich nach Angaben des Geschichtsvereins für den gelungenen Tag in Nierstein und kündigte an, wiederkommen zu wollen.

Der Bericht vom Besuchstag ist auf der Homepage des Geschichtsvereins Nierstein veröffentlicht.

red